Philosophie

Ich bin ein Kind der 90er. Graffiti war wie ein Virus, der sich in der Stadt und den Köpfen der Jugendlichen verbreitete. So hat es auch mich erwischt. Schulhefte, Zeichenblöcke und Wände. Die Ideen mussten umgesetzt werden. Vielfältig und bunt. Buchstaben allein reichten nicht. Gesichter waren die Motive, die mich faszinierten. Die Herausforderung, die mich antrieb. Buchstaben kann jeder. Ein gemaltes Portrait gleicht keiner Photographie. Wenn man es fühlt, spricht es zu dir. Völlig gleichgültig. Positiv oder negativ. Es muss ein Gefühl in dir auslösen. Dich fesseln. Melancholie, Trauer, Wut. Freude, Glück, Neuanfang. Ein Seelenzustand, der in diesem Moment umgesetzt wird. Ein Tagebuch, das vielleicht nur der Künstler selbst versteht.

Abitur. Studium. Partys, Exzesse. Lernen, Prüfungen. Graffiti war plötzlich ganz weit weg. Das Talent vergessen. Jahre vergingen. Mein Schatz stand plötzlich da. Mit Leinwand und Acrylfarben. „Mal doch mal wieder etwas“. Keine Sprühdosen und Wände. Pinsel, Farben und Leinwände. Verwandlung der Emotionen in ein abstraktes Bild. Grauenhaft. Wie ein Spießer im Pullunder. Das wars mit der Malerei. Das ist nichts für mich. Eine Woche vergeht. Ich kann nicht mehr. Ich muss malen. Keine Ahnung was. Also abstrakt. Neue Farben. Gar nicht so übel diesmal. Ich muss weitermachen. Größere Formate. Mehr. Abstrakt kann jeder. Städte. Tiere. Langweilig. Gesichter waren mein Ding. Verdammt ist das schwer mit Acrylfarben. Kitschig. Würde sich vielleicht meine Oma aufhängen. Egal. Ich muss weitermachen. Ölfarben. Versuchs mal damit. OMG trocknen die ewig. Neue Dimensionen tun sich auf. Chillen bei einem alten Freund zu Hause und trinken. „Weisst du noch früher wie wir losgezogen sind und einfach ein Fiddi hingebombt haben“. „Pass mal auf, was ich hier am Start hab'“. Er holte eine gelbe Kiste. 50 Cans in allen möglichen Farben. Wir brauchen Stencils. Eine Vorlage für ein großes Peace. Am besten mit einem Gesicht. Genau mein Ding. 3 Uhr Nachts. Kein Mensch unterwegs. Perfekten Spot gefunden. Fiddi gebombt. Reicht nicht. Wir haben noch 3 Stencils. Nächster Tag. Ich brauche mehr Leinwände. Gemälde nach Gemälde entsteht. Ich werde besser.

Ich muss was besonderes schaffen. Keine Zeit. Ich muss lernen. Chemie, Biologie, Pharmakologie. Ich kann nicht anders. Ich muss meine Ideen jetzt auf Leinwand bringen. Mein Schatz ist sauer. Die Kunst zwingt mich. Ich kann mich nicht dagegen wehren. Die Klausuren müssen warten. Plus Minus. Es scheint, als ob ich besessen bin. Gemälde entwickeln sich unerwartet. War das wirklich ich?

In jedem Menschen stecken mehrere Gesichter. Ich bin zu oft auf Masken hereingefallen. Das muss ich auf die Leinwand bringen. Freundlich, hinterhältig und egoistisch. Ausgedrückt in Farben. Zerschnitten und zusammengefügt. Behind the Mask. Das selbe Portrait in verschiedenen Farben. Ich habe etwas eigenes geschaffen.

 

 

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